Die Balance zwischen Abgrenzung und Parentifizierung

Kennst du das? Du möchtest immer noch, alle Menschen in deiner Umgebung „glücklich“ machen? Du fühlt dich, meist wie in deiner Kindheit, immer noch für die Gefühle der anderen Menschen in deinem Umfeld zuständig und verantwortlich.

Das passiert häufig, bei Kindern die narzisstische Eltern hatten. Dabei haben sie gelernt, dass sie an allem Schuld sind, alles falsch machen und mit Gewalt, Ausgrenzung, Abwertung oder Ausschluss bestraft werden. Manchmal berichten Klienten, dass in diesem Fall die Mutter bis zu 4 Wochen, nicht mit ihrem noch kleinen Kind gesprochen hat und dies wiederholt und wegen Kleinigkeiten. Auch ich kenne das aus meiner Kindheit. Natürlich versucht das Kind dann besonders „lieb“ und „angepasst“ zu sein. Es entschuldigt sich, einfach aus dem Gefühl heraus, dass die Situation unerträglich ist, obwohl es nichts falsch gemacht hat. Wahrscheinlich weil das Kind „nur“ auf seine eigenen Bedürfnisse geachtet hat und versucht hat, gut für sich selbst zu sorgen. Es gab Niemanden im Umfeld des Kindes, die auf die Bedürfnisse des Kindes geachtet haben. Die Aufmerksamkeit des Kindes verlagert sich weg, von den eigenen Gefühlen – hin, zu den Emotionen der Mutter (oder jeder anderen narzisstischen Bezugsperson), um die Handlungen vorherzusagen und so das Chaos zu vermeiden und im Vorfeld alles nur Erdenkliche zu tun, damit die Strafen beim nächsten Mal nicht ganz so drastisch ausfallen.

Die Kinder werden sich immer kleiner machen, wenig Selbstbewusstsein entwickeln – da sie nur Strafen, Abwertung und Gewalt kennen und keine stärkende Pädagogik lernen, wie Lob, echte Liebe, Wertschätzung, Achtung und Anerkennung, eine Co – Regulation und das Spiegeln von Gefühlen.

Sie lernen also, dass sie selbst „keinen“ Wert haben, sondern – wie in diesem Beispiel- nur das Wohlergehen der Mutter von Bedeutung ist. Sie werden leise sein, angepasst, einigermaßen gute Noten schreiben, ihre eigenen Wünsche zurückstellen – zum Wohle von Harmonie und Frieden. Sie übernehmen sehr früh, die Verantwortung für den Frieden und die Harmonie in ihrem Familiensystem. Sie werden die Top – Empathen, weil sie, wenn sie Verhalten, Launen und Strafen vorhersagen können, ein wenig besser „überleben“.

Die Geschwisterkinder, die aufgewertet werden, auch ein Zeichen von Narzissmus, werden meistens ebenfalls Narzissten. Die Geschwister haben es immer schwer miteinander, doch in der Regel ausgehend von dem „verwöhnten“ und „vorgezogenen“  Geschwisterkind.

Es ist nicht schwer vorauszusagen, dass sie keine schöne Kindheit hatten oder gar keine, weil ein narzisstischer Elternteil, egal was das Kind für sich tun, zum Beispiel lesen, schreiben, musizieren oder malen – dazwischengehen wird, es abwerten wird oder einen Streit vom Zaun brechen wird. Es ist ein Merkmal von Narzissten, da sie keine Harmonie, Freude und Frieden aushalten können. Also werden sie alles tun, um die Aufmerksamkeit des Kindes, von diesen Tätigkeiten – bei denen es glücklich ist, abzulenken und wieder auf sich zu beziehen. Die Kinder müssen früh „erwachsen“ werden, da die Verantwortung schwer trägt und sie  dieses „kaputte“ und gestörte Familiensystem anders nicht überleben.

Die Kinder zahlen einen hohen Preis, doch zumindest überleben sie. Dieses Verhalten hört mit dem Auszug oder dem 18. Geburtstag nicht auf, leider auch nicht mit einer finanziellen Unabhängigkeit oder einem Umzug in ein anders Land oder wenigstens eine andere Stadt.

Die Kinder, die so groß geworden sind, hängen emotional, auch wenn sie meilenweit weg sind, immer noch an die Mutter (oder jeden anderen Narzissten aus der Kindheit) , sie bleiben gebunden, leider meist ohne es bewusst zu wissen, sondern unbewusst – geben sie immer noch Energie ab und damit die Macht, ihre Macht. Es kostet sie Kraft, Energie und ihr eigenes Leben. Dabei können sie inzwischen selber verheiratet sein, eigene Kinder haben und beruflich erfolgreich sein. Sie sind häufig erschöpft und müde, emotional ausgelaugt, fühlen sich traurig und einsam.

Der berufliche Erfolg ist sogar sehr wahrscheinlich, denn sie sind in der Lage, weit über ihre eigenen Grenzen hinaus zu gehen, dabei sind sie meistens perfektionistisch veranlagt. Dies ist ein wunderbarer Nährboden für ein Burnout.

Was alle eint: Narzissen lieben Drama, Hass, Neid, Gewalt und im Mittelpunkt zu stehen. Es gibt unterschiedliche Arten von Narzissten, hier gibt es noch einmal spezielle Merkmale, es reicht von einer Opfermentalität und alle anderen sind schuld – bis hin zum malignen Narzisst, der sehr gewalttätig ist.

Dieser emotionale Support für diese Mutter bleibt oft bis ans Lebensende. So lange bis die Tochter merkt, dass hier irgendwas gewaltig schief läuft und das es nicht „normal“ und „gesund“ ist, sondern, dass die Mutter für das Kind hätte da sein sollen und nicht umgedreht.

Diese emotionale Support heißt in der Fachsprache Parentifizierung.

Unerkannt, sind die Kinder von damals, die Erwachsenen von heute, die „people pleaser“ genannt werden, da sie sich selbst kaum spüren, aber alle und jeden supporten, weit über ihre Grenzen hinaus. Und sie merken es nicht einmal, da sie es nicht anders kennen. Sie spüren die Bedürfnisse der Mitmenschen früher, als diese die Gefühle selber wahrnehmen und sie werden sie erfüllen, bevor sie darum gebeten werden.

Es wird Menschen im Umfeld geben, die finden das toll, da sie das selbe Muster in sich tragen, wie die damaligen Eltern. Andere Menschen im Umfeld werden genervt reagieren, da sich diese „extreme Angepasstheit“ unauthentisch und „kindlich“ anfühlen und somit ein „falsches“ Selbst im Umfeld spiegelt und dies stimmt auch. Es ist ein kindlicher Anteil, der es immer noch allen recht machen will. Für bewusste Menschen ist dieses Verhalten, dieses Muster und der Habitus- der sich in Sekundenbruchteilen – von Erwachsen – zu verletztem Inneren . Kind- ändern, sehr herausfordernd.

Blöd ist, dass die Menschen es unreflektiert überhaupt nicht merken und aus dem Muster nicht aussteigen können. Oder, dass sie es erst merken, wenn die Eltern schon tot sind. Manchmal bleibt dieses Muster auch weit über den Tod der Eltern aktiv.

Parentifizierung kann auch bedeuten, dass Kinder bestimmte Teile der Aufgaben der  Eltern übernommen haben, das können praktische Dinge wie der Abwasch oder der Einkauf sein und/ oder emotionaler Support. Meistens beides. Häufig zeigt sich solches Verhalten auch in Streitverhinderung und Streitschlichtungen zwischen den Eltern, auch dann noch, wenn das Kind schon erwachsen ist und die Eltern betagt sind.